Die großen Winzerfamilien der Südsteiermark
Die bekanntesten Weinbetriebe der Region gehören keinem Konzern. Sie gehören Familien, oft seit mehr als zweihundert Jahren, und der Betriebsübergang von einer Generation zur nächsten ist hier eine wirtschaftliche Entscheidung mit Folgen für ganze Ortschaften. Neun der zwölf Weingüter, die sich in der Vereinigung Steirische Terroir- und Klassikweingüter zusammengeschlossen haben, liegen im Bezirk Leibnitz - die übrigen drei im Vulkanland.
Tement in Berghausen: von drei Hektar zur Kalkriede
Josef Tement legte in den 1950er-Jahren mit drei Hektar den Grund. Nach seinem frühen Tod musste Sohn Manfred deutlich früher übernehmen als geplant - und setzte auf eine Rebsorte, die damals in der Steiermark kaum jemand ernst nahm: Sauvignon Blanc auf den Kalkböden rund um Berghausen.
Heute bewirtschaftet das Familienweingut in Zieregg zehn Rieden, seit 2022 nach Demeter-Richtlinien. Die Paradelage Zieregg ist in vier Teile gegliedert: Zieregg, Zieregg Kår, Zieregg Kapelle und Zieregg Steilriegel. Manfred Tement führt den Betrieb mit seinen Söhnen Armin und Stefan - über die Arbeitsteilung sagt er, man versuche gemeinschaftliche Entscheidungen zu treffen. Mehr zur Familie, zur Riede Zieregg und zur Schwesterdomäne in Slowenien: Weingut Tement.
Sattlerhof in Gamlitz: 1866 urkundlich, seit 1887 in der Familie
Der Hof in Sernau ist 1866 erstmals urkundlich erwähnt und seit 1887 in Familienbesitz. 1965 übernahmen Luise und Wilhelm Sattler, ein Jahr später kam die erste Flaschenfüllung. Wilhelm Sattler galt in den späten Sechzigern und Siebzigern als einer der Baumeister des steirischen Weinwunders; als er den Betrieb Ende der Siebziger an seinen Sohn Willi übergab, gab er ihm mit, das Haus müsse in der ersten Reihe des Landes bleiben.
Heute führen Andreas und Alexander Sattler 35 Hektar in Bio-Bewirtschaftung, wieder mit Schwerpunkt Sauvignon Blanc. Der Sattlerhof ist dabei längst mehr als ein Weingut: Zum Betrieb gehören ein Vier-Sterne-Hotel, ein Wirtshaus und ein Restaurant, das 2026 einen Michelin-Stern trägt. Wie sich sieben Familienmitglieder die drei Betriebe aufteilen: Sattlerhof in Gamlitz.
Gross in Ratsch: eine Teilung, die keine Trennung war
Das Weingut Gross wurde 1907 gegründet. Ab 2006 übernahmen die Brüder Johannes und Michael Gross Keller und Weingärten. 2018 teilten sie den Betrieb auf: Johannes und Martina Gross führen seither das Weingut Gross in Ratsch, Michael und Maria Gross betreiben unter dem Namen Vino Gross die Flächen jenseits der Grenze in Slowenien. Zwei Betriebe, eine Familie - im Grenzgebiet an der Weinstraße ist das weniger ungewöhnlich, als es klingt.
Lackner-Tinnacher in Steinbach: Weinbau seit 1770
In der Familie wird seit 1770 Wein gemacht, damit ist der Betrieb einer der ältesten der Region. 2013 übernahm Katharina Tinnacher, die an der Universität für Bodenkultur in Wien Weinbau studiert hat. Sie bewirtschaftet 27,5 Hektar in sechs Steillagen bei Gamlitz; ab dem Jahrgang 2016 sind alle Weine des Weinguts biozertifiziert.
Wohlmuth in Fresing: 1803 und 1.200 Stunden pro Hektar
Seit 1803 ist das Weingut in Familienbesitz, geführt wird es heute von Marion und Gerhard J. Wohlmuth, unterstützt von den Eltern Maria und Gerhard. Die nächste Generation - Moritz, Samuel und Noah - wächst gerade heran.
Die Lagen im Sausal sind das eigentliche Thema dieses Betriebs: Schieferböden, Hänge mit bis zu 90 Prozent Neigung, hundert Prozent Handarbeit. Rund 1.200 Arbeitsstunden pro Hektar rechnet das Weingut für seine Steilterrassen - ein Vielfaches dessen, was flaches Rebland verlangt, und der Grund, warum diese Weine kosten, was sie kosten. Im Juli 2026 wurde der Riesling Ried Edelschuh 2023 zum besten trockenen Riesling Europas gekürt: Weingut Wohlmuth.
Polz am Grassnitzberg: die Pioniere des trockenen Qualitätsweins
Das Familienweingut gibt es seit 1912. Ende der 1980er-Jahre übernahmen Erich und Walter Polz - und sie waren es, die Mitte der Achtziger als Erste in der Steiermark konsequent vom Fasswein auf trockenen Qualitätswein umstellten. Was heute selbstverständlich klingt, war damals ein wirtschaftliches Risiko für den gesamten Weinbau der Region. Heute führt Erich Polz junior den Betrieb, sein Bruder Christoph verantwortet Keller und Vinifikation - nach einem Verkauf und Rückkauf im Jahr 2020, der den Betrieb von 105 auf rund 80 Hektar verkleinert hat.
Die Familien im Überblick
| Familie | Ort | In der Familie seit | Führt heute |
|---|---|---|---|
| Tement | Berghausen, Ehrenhausen | 1950er-Jahre | Manfred, Armin und Stefan Tement |
| Sattler | Sernau, Gamlitz | 1887 | Andreas und Alexander Sattler |
| Gross | Ratsch an der Weinstraße | 1907 | Johannes und Martina Gross |
| Tinnacher | Steinbach, Gamlitz | 1770 | Katharina Tinnacher |
| Wohlmuth | Fresing, Kitzeck im Sausal | 1803 | Marion und Gerhard J. Wohlmuth |
| Polz | Grassnitzberg, Straß | 1912 | Erich Polz jun. und Christoph Polz |
Was die Betriebe verbindet
1986 schlossen sich mehrere dieser Familien zur STK zusammen, den Steirischen Terroir- und Klassikweingütern; Manfred Tement gründete die Vereinigung gemeinsam mit Gross, Polz und Sattler. Heute umfasst sie zwölf Betriebe, das Kürzel ist eine geschützte Marke. Aus dem Bezirk gehören neben den genannten auch Wolfgang Maitz in Ratsch, Erwin Sabathi in Leutschach und Hannes Sabathi in Gamlitz dazu.
Auffällig ist, wie ähnlich die Betriebe wirtschaften: kleine Flächen, hoher Handarbeitsanteil, fast durchwegs biologische oder biodynamische Bewirtschaftung, und eine Übergabe innerhalb der Familie statt eines Verkaufs. Der Preis dafür sind Betriebsgrößen, die im internationalen Vergleich winzig wirken - 27 oder 35 Hektar sind für ein Weingut mit weltweitem Vertrieb wenig. Genau diese Größe macht die Handarbeit in den Steillagen aber erst möglich.
Wer die Betriebe der Reihe nach ansehen will, findet sie in der Übersicht der Weingüter und entlang der Südsteirischen Weinstraße.
Häufige Fragen
Welches ist das älteste Weingut im Bezirk Leibnitz?
Unter den bekannten Betrieben reicht Lackner-Tinnacher in Steinbach bei Gamlitz am weitesten zurück: In der Familie wird seit 1770 Wein gemacht. Wohlmuth in Fresing ist seit 1803 in Familienbesitz.
Was bedeutet STK bei einem steirischen Wein?
Das Kürzel steht für die Steirischen Terroir- und Klassikweingüter, eine 1986 gegründete Vereinigung von heute zwölf Betrieben. Es ist eine geschützte Marke, neun der zwölf Mitglieder liegen im Bezirk Leibnitz.
Wer führt das Weingut Tement heute?
Manfred Tement gemeinsam mit seinen Söhnen Armin und Stefan. Der Betrieb in Berghausen wird seit 2022 nach Demeter-Richtlinien bewirtschaftet.
Warum sind Weine aus Steillagen teurer?
Weil sie sich nur von Hand bewirtschaften lassen. Das Weingut Wohlmuth rechnet für seine Schieferterrassen mit Neigungen bis 90 Prozent rund 1.200 Arbeitsstunden pro Hektar und Jahr.
Gehören die großen Weingüter noch den Familien?
Bei den hier genannten Betrieben führt jeweils die Familie das Weingut, teils in vierter oder fünfter Generation. Übergaben laufen innerhalb der Familie, bei Gross wurde der Betrieb 2018 unter zwei Brüdern aufgeteilt.
Stand: September 2026 · Angaben zu Geschichte, Flächen und Führung laut den Websites der Weingüter, Mitgliederstand der STK.